Wer im Zusammenhang mit dem Wort “Parfum” nicht sofort an schick designte Flakons, mit denen sich feine Duftessenzen auf Kleider und Körper sprühen lassen, sondern an bedruckte Seiten denkt, der kommt nicht umhin, den Namen Patrick Süskind zu nennen. Sein Roman um den genialischen Mörder Grenouille hat es vermocht, so manchen Leser zu betören – und das ganz ohne Amber oder Moschus.
In seinem Roman “Das Parfum” Paris in seiner ganzen pestilenzartigen Geruchsatmosphäre so derart packend und eindrucksvoll zu schildern, ist eine der großen Leistungen Süskinds.
Doch der Mann, wenn auch mit einem beträchtlichen Maß an Phantasie ausgestattet, berief sich auf eine fundierte Quelle, Alain Corbins “Pesthauch und Blütenduft”. Das Werk ist, ähnlich wie Süskinds Roman, längst zu einem Klassiker avanciert und hat mit einer Auflage von bislang über 60.000 Exemplaren doch eine hohe Verbreitung erreicht.
Corbin sieht den Anbeginn der Sensibilisierung für Gerüche im 18. Jahrhundert. Man hatte einfach genug von entsetzlichem Gestank und bemühte sich um Hygiene und Desodorierung. In Paris wurde eigens ein Lehrstuhl für Hygiene ins Leben gerufen. Parellel dazu verändert sich auch die Haltung den Parfums gegenüber. Der Proletarier riecht übel, der Bourgeois parfümiert sich mit feinen Düften. Aber mit welchen? Moschus gilt bald als tierisch und ungehörig, ein zu dick aufgetragener Duft ist eher den leichten Damen in den Bordellen vorbehalten und der Mann sollte ohnehin eher nach Tabak duften.
Corbin deckt die sich wandelnden Geruchsempfindungen auf und belegt dies an vielen wissenschaftlichen Texten, aber auch zahlreichen literarischen: Casanova, De Sade, Huysmans oder Balzac, um nur einige zu nennen. Die Erotik des Duftes nimmt freilich einen nicht unwesentlichen Raum ein, denn in einer Zeit, in der man sich – vor allem körperlich – bedeckt hielt, galt es, die Indidividualität, vornehmlich die eigenen Reize, richtig herauszustellen.
Der Wagenbach-Verlag liefert mit dieser Kulturgeschichte des Duftes eine schöne, bibliophile und illustrierte Ausgabe des Klassikers von Corbin. Dass der Schöpfer ein Franzose war, lässt sich im Text allerdings immer wieder spüren. Bezüge zur Bedeutung des Parfums bevor es in Frankreich nicht nur “entdeckt”, sondern auch ökonomisch in ganz Europa erfolgreich vermarktet wurde, wären schön gewesen. Denn so entsteht ein bisschen der Eindruck, Frankreich sei die Wiege der Parfümerie gewesen. Das ist zwar sicherlich keine falsche Behauptung, aber eine etwas differenzierte Betrachtung wäre schön gewesen. Das ist aber kein wirklicher Grund zur Kritik. Alles in allem sei dieses Buch all denen ans Herz gelegt, die auf olfaktorische Spurensuche gehen wollen. Oder die einfach wissen wollen, wie schrecklich abscheulich es im Europa des 18. Jahrhunderts wirklich gestunken hat – und was man in den Jahren darauf getan hat, um mit dem lieblichen “Lockstoff” beim anderen Geschlecht zu landen.


