Viel wurde und wird noch über die tatsächlich völlig überraschend zustande gekommene Übernahme der Huffington durch [twickit]AOL[/twickit] geschrieben [werden]. Dabei ist weniger der Umstand, dass AOL eine WebZeitung wie die Huffington übernimmt überraschend, sondern die Tatsache, dass Arianna Huffington offensichtlich die alleinige Erziehungsberechtigung über ihr Baby aufgibt. Ist das aber so?

Ob das Tatmotiv der Transaktion, wie im Meedia heute zu lesen war, Geldgier von Arianna Huffington und Verzweiflung von AOL war, würde ich an dieser Stelle hinterfragen. Ich  neige dazu, mich eher der Meinung der vor Ort in New York sitzenden Kollegen von [twickit]Mashable[/twickit] anzuschließen, welche die Übernahme als ernsthaften Versuch von AOL sehen, den eingeschlagenen Weg zur Errichtung eines Content Produzenten und WebPublishers konsequent umzusetzen.

Mashable im Zitat:
With its blockbuster acquisition of Huffington Post, AOL has catapulted itself back into relevancy. It has sent a clear signal to the rest oft he world it is a media company and that it is in this game to win….The Huffington Post und Arianna Huffington will become the anchors oft the AOL’s media strategy. With Arianna Huffington running the show, AOL will gain the content focus and media legitimacy it desperately needs to restart growth and become relevant again.

Gerade wir im deutschsprachigen Raum mit den vielen alten Medienunternehmen und den wenigen Visionen sollten sehr genau auf die Entwicklungen in den USA und hier vor allem auf den Großraum New York achten. Sollte es AOL unter seinem CEO Tim Armstrong gelingen, aus dem ehemaligen Infrastrukturprovider ein modernes Content Power House [Inhalte Kraftwerk] zu machen, dann kann das auch für viele Medienunternehmen hierzulande ein Modell sein.

Vermutende Mieselsucht statt Analyse

Hypothese: diese Transaktion ist in seiner Tragweite eine der wichtigsten der letzten und kommenden Jahre im Medienbereich. Im Tenor der deutschen Pressemeldungen von HandelsblattHorizont über Kress und Meedia wird auf eine weitergehende Analyse verzichtet, AOL als untergehender oder zumindest angeschlagener Internet-Pionier dargestellt und über die Transaktion kurz sowie mit negativem Sentiment berichtet. Dabei hat sich offensichtlich niemand die Mühe gemacht, die Tragweite dieser Übernahme bzw. das strategische Motiv dahinter zu betrachten oder die letzten Entwicklungen um AOL zu analysieren. Wer das macht, der muss zunächst zur Schlussfolgerung gelangen, dass hier unter der Führung von CEO Tim Armstrong ein interessantes Experiment zur Errichtung eines neuen Medienkonzerns im neuen Web 2.0-Umfeld sehr konsequent umgesetzt wird. Das kann gelingen oder auch nicht! Jedenfalls aber lohnt ein zweiter und dritter Blick, um zu sehen, was hier vor sich geht. Schon einmal hat AOL mit der Übernahme von Time Warner im Jahr 1999 die Medienwelt verändert und das bis dahin von den echten Medienleuten belächelte Web salonfähig gemacht. Es war die bis dahin größte Fusion in der amerikanischen Geschichte.

Kurzer Rückblick auf interessanten MedienPionier

Das 1985 von Steve Case gegründete AOL war als Internet Service Provider ein WebUnternehmen der ersten Stunde und nutzte den allgemeinen Hype der [twickit]New Economy[/twickit] in den späten 1990er Jahren, um mit 30 Millionen Kunden im Rücken und hoch bewerteten Aktien an der Börse im Januar 2000 den traditionellen Medienkonzern Time Warner für unglaubliche US-$ 164 Milliarden zu übernehmen und damit an der Börse den rund US-$ 350 Milliarden kapitalisierten Medienriesen AOL Time Warner zu schaffen.

AOL CEO Tim Armstrong

Der Niedergang der New Economy verbunden mit hoher Wettbewerbsintensität und rasantem Preisverfall im Bereich Internetzugang führte dazu, dass AOL bald zur Belastung für den neuen Medienkonzern AOL Time Warner wurde. Im Dezember 2009 platzierte Time Warner die Aktien der AOL als selbständiges Unternehmen an der Börse. Der AOL CEO Tim Armstrong kündigte an das Unternehmen als Content Power House positionieren und neu aufstellen zu wollen. Das war also erst vor etwas mehr als einem Jahr. In dieser Zeit hat Tim Armstrong eine zügige Restrukturierung durchgeführt, nicht mehr passende Beteiligungen verkauft, Niederlassungen geschlossen und sich mit einer plausiblen Content Strategie einen Namen gemacht. Die Kernstrategie von AOL führt die treffende Bezeichnung 80:80:80 und basiert auf den Annahmen, dass

  • 80% der US-Ausgaben von Frauen getätigt werden,
  • 80% der Wirtschaft auf lokaler Ebene [local business] abgewickelt werden und
  • 80% von Anschaffungen  von Beeinflussern wie Kindern oder Partnern mitbestimmt werden;

In seinem Memo anlässlich der Übernahme der Huffington bezeichnet Armstrong die The Huffington Post vor dem Hintergrund der AOL-Strategie als perfekten strategischen Fit. Des weiteren wäre Arianna Huffington eine glaubhafte Gallionsfigur für das weibliche Zielpublikum, die Marke selbst global bekannt und hat starken Einfluss sowie hohe Glaubwürdigkeit  in der Blogosphäre, die wiederum das übrige Web über virale Effekte massiv beeinflussen kann.

Arianna Huffington

Da die Huffington Post derzeit eine der am schnellsten wachsenden WebSeiten ist – sie ist 2010 um 22 % gewachsen und damit stärker als Twitter und rund 15 mal so schnell wie das gesamte Web (comScore Dec ’09-’10) sollte die Übernahme genug Brennstoff liefern, um AOL mit der neuen Strategie abheben zu lassen. Es ist jedoch ganz klar, dass die Übernahme der Huffington auch und vor allem wegen Arianna Huffington passierte. Sie steht im Zentrum der neuen Strategie und soll AOL auf dem Erfolgskurs trimmen. Insofern könnte man versucht sein, die Behauptung aufzustellen, dass die Übernahme der Huffington Post der Preis dafür war, Arianna Huffington an Bord zu bekommen und mit ihr die derzeit wohl erfolgreichste Medienunternehmerin.

Tim Armstrong zu Arianna Huffington:
“Arianna is a singularly passionate and dedicated champion of innovative journalistic engagement, and a master of the art of using new media to illuminate, entertain and enhance the national conversation. Arianna is a remarkable person and she will continue to create remarkable outcomes for the combined company.”

Den Erfolg der Huffington verdankt man zum Großteil der erfolgreichen Integration der Blogosphäre. Mehr als 6000 Blogger schreiben regelmäßig und unentgeltlich für Ariannas WebZeitung. Darunter bekannte Persönlichkeiten wie Barack Obama, Hillary Clinton, Bill Clinton, New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, der Google Gründer Larry Page, viele Senatoren, bekannte Künstler wie Madonna oder Hollywood-Größen wie Alec Baldwin, Natalie Portman, Scarlett Johansson oder George Clooney. Darüber hinaus ist es Arianna zuletzt gelungen auch wirklich große Namen aus der Journalistenszene an Bord zu holen, um die Huffington als publizistisches Graviationszentrum der Blogosphäre zu entwickln. Es liegt auf der Hand, dass in dieser breiten Aufstellung selbst Platzhirschen wie die New York Times gegen die Huffington abstinken müssen. In der Financial Times Deutschland findet sich diesbezüglich ein guter Beitrag zur Übernahme und den möglichen Auswirkungen für die Entwicklung der neuen AOL.

Huffington Post Media Group

Huffington Post Media Group

Es ist neben der Marke The Huffington und ihrer Gründerin Arianna vor allem dieses unglaubliche Netzwerk, das sich Tim Armstrong heute Nacht eingekauft hat [vorbehaltlich der kartellrechtlichen Genehmigung, die bis Ende April erwartet wird]. Dafür war der Kaufpreis von insgesamt US-$ 315 Millionen mehr als gerechtfertigt. Hier könnte tatsächlich ein Medienunternehmen von globalem Format entstehen. Genau darin sehe ich auch die Motiviation einer ambitionierten Frau wie Arianna Huffington. Ohne sie persönlich zu kennen, getraue ich mir zu sagen, dass diese macht- und sendungsbewusste sowie erfolgreiche Frau sich ihre Vision nicht so einfach abkaufen lässt. Sie hat durch die Übernahme und der damit in Zukunft von ihr zu verantwortenden Position als Chefin für die innerhalb des AOL Konzerns neu gegründete Huffington Media Group noch ein paar Hebeln mehr in die Hand bekommen, um ihre Vision eines Medienhauses umsetzen zu können.

Gerne nehme ich aber auch andere Meinungen entgegen zu dieser Transaktion, die in ihrer langfristigen Auswirkung noch völlig unterschätzt wird. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich die New York Times und die News Corporation dagegen aufstellen.

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